Musikwerk als packende Dokumentation

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Musikwerk als packende Dokumentation © Inge Braune (ibra)

30 Jahre Mauerfall Beeindruckende Feier des Landkreises mit klugen Analysen / Festrede und Freiheitssinfonie „Wir sind ein Volk“ begeisterten das Publikum

Mit einer eindrucksvollen Feier gedachte der Main-Tauber-Kreis dem Mauerfall vor 30 Jahren. Ein Höhepunkt war die Aufführung der Freiheitssinfonie „Wir sind ein Volk“.

Weikersheim. Die 30 Jahre alten Bilder vom 9. November haben sich allen, die den Tag miterlebten, eingeprägt. Nicht nur an den Jahrestag, sondern auch an die Vorgeschichte und Fortsetzung der friedlichen Revolution erinnerte der Main-Tauber-Kreis mit der Gedenkfeier in der TauberPhilharmonie.

Es gelte angesichts neuer nationaler und abgrenzender Tendenzen für die junge Generation erlebbar zu halten, was Teilung, Diktatur und die friedliche Revolution bedeuten, so Landrat Reinhard Frank. Demokratie und Freiheit seien nicht einfach da, sondern müssten mit aktivem Engagement für eine weltoffene Demokratie täglich gelebt und erkämpft werden.

Eröffnet hatten die Veranstaltung die rund 70 Musiker des Großen Blasorchesters Boxberg mit Jan von der Roosts „Conzensus“ unter der Leitung von Volker Metzger, das gemeinsam mit dem Projektchor tiefer ins Thema des Abends führte: bereits um 1780 wurde der Text „Die Gedanken sind frei“ auf Flugblättern verbreitet. Voll ausgespielt hat dabei das Gesamtensemble aus Bläsern, Kammerchor Bad Mergentheim, Schulchor des Matthias-Grünewald-Gymnasiums Tauberbischofsheim und Singklasse des Weikersheimer Gymnasiums die bezwingend ergreifende Klang- und Stimmvielfalt der Freiheitshymne. Ihre ganz persönlichen Erinnerungen und mit den Wendetagen verbundenen Hoffnungen teilten die Bundestagsabgeordneten Nina Warken und Alois Gerig, die Landtagsabgeordneten Christina Baum und Wolfgang Reinhart sowie Ex-Landrat Georg Denzer – moderiert von Georg Wyrwoll – mit dem Publikum.

Gespräch mit DDR-Grenzer

Georg Denzer, der die Partnerschaft mit dem Kreis Bautzen initiierte, erinnert sich lebhaft an die Ostfahrt nach dem kleinen Landesparteitag am 11. November: entgegenkommende Trabi-Karawanen und das erste lockere Gespräch mit einem DDR-Grenzer. MdB Alois Gerig (CDU) hatte die Mauer bei Transitfahrten und Besuchen in der DDR erlebt. Den Weg nach Chemnitz wollte ihm seinerzeit keiner zeigen. Erst, als er den 1953 in Karl-Marx-Stadt geänderten Namen nannte, wies man ihn in die richtige Richtung. Der Wettbewerb mit den Großflächenbetrieben sei für manch kleineren Landwirt schwierig, so der Landwirtschaftsexperte auf Nachfrage Wyrolls.

Christa Baum, AfD-Landtagsabgeordnete, erlebte DDR-Repressalien, nachdem ihr Bruder über die Donau aus dem Land geflohen war. Erst im Mai 1989 konnte sie nach vierjähriger Wartezeit aus der DDR ausreisen. Sie habe ihren Augen nicht getraut, als sie wenige Monate später die Mauerfall-Bilder sah. Mit Blick auf das manchmal schwierige Ost-West-Verhältnis bewertet sie die Kritik der ehemaligen Landsleute am Vereinigungsprozess und der gesamtdeutschen Gegenwart als durchaus positiv: Die Ostdeutschen seien vier Jahrzehnte lang von der Politik belogen worden und hätten entsprechend einen klaren und kritischen Blick auf Politik und Gesellschaft entwickelt.

Die CDU-Bundestagsabgeordnete Nina Warken war zehn, als die Mauer fiel. Unendlich dankbar sei sie dafür. Und: „Es geht uns trotz großer Fragen in Deutschland so gut wie nie zuvor.“

Mit der Tauberfranken-Hymne von Guido Rennert leiteten Bläser und Projektchor zur Festrede über, die der Landrat des Partnerkreises Bautzen, Michael Harig, mit politischem und persönlichem Rückblick einleitete. Er erinnerte an die vielen Facetten des 9. Novembers: 1918 wurde die erste Deutsche Republik ausgerufen, die 1923 am gleichen Datum durch den Hitler-Ludendorff-Putsch in München in Gefahr geriet. Ins dunkelste Kapitel deutscher Geschichte führte die „Reichskristallnacht“ 1938, in eine Sternstunde dann der 9. November 1989. Weil er sich der Fahnenweihe entzog und nicht der FDJ beitrat, wurde die Familie unter Druck gesetzt und ihm weiterführende Schulbildung versagt.

Der im deutsch-tschechoslowakisch-polnischen Dreiländereck aufgewachsene Harig erlebte die Grenze hautnah an der „Straße der Freundschaft“ in seinem Dorf, die zur CSSR-Grenze führte.

In Sachen Umweltschutz stellt Harig der DDR ein miserables Zeugnis aus: Hoher Schwefeldioxidausstoß verursachte das Waldsterben in den Mittelgebirgen, ungefilterte Abgase der Kohleheizungen machten die DDR mit einem CO2-Ausstoß von 21 Tonnen pro Kopf zu einem der größten Klimakiller der Welt.

Dass sich in den vergangenen drei Jahrzehnten die Lebenserwartungen angeglichen haben – vor dem Mauerfall lebten DDR-Bürger statistisch zehn Jahre weniger als die Menschen im Westen - gehört für Harig ebenso zu den Errungenschaften der Wiedervereinigung wie die Angleichung der Wohnflächen und die Verdreifachung des verfügbaren Einkommens.

Von Herzen kommend

Mit Berechnungen der Einheitskosten tut er sich schwer: Was dürfe es kosten, 17 Millionen Menschen aus einem totalitären Regime herauszuführen? Harig verwies aufs Prinzip seiner Großmutter: „Rechnen muss man können – aber in der Familie wird nichts aufgerechnet.“ Auf der Ebene der Städte, Gemeinden und Landkreise, wachse zusammen, was zusammengehöre – zwischen den Kreisen Main-Tauber und Bautzen in einer von Herzen kommenden Partnerschaft.

Musikalischer Höhepunkt war die Aufführung der Freiheitssinfonie „Wir sind ein Volk“ von Guido Rennert. Kein Besucher konnte sich der musikalisch perfekt dargebotenen, multimedial mit Bildern und Zitaten zur packenden Geschichtsdokumentation mit Appellcharakter gewordenen Aufführung entziehen. Mit Ovationen hatte das Publikum bereits dem Festredner gedankt, nach Verklingen der letzten Töne wollte der Beifall gar nicht mehr enden.

© Fränkische Nachrichten, Montag, 11.11.2019

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